CAIRO AG

30 Jahre Design, Entdeckungen und Klassiker

Ohne ihn wäre das 30-jährige Jubiläum der Cairo AG undenkbar – Gerhard Wolf war der entscheidende Gründer des Unternehmens aus dem Kreis der Möbelhändler der creativen inneneinrichter und hat das Unternehmen langjährig als Vorstand, vor allem aber mit seinen Kollektionsentscheidungen geprägt. Weiterhin steht er dem Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite, auch wenn heute sein Sohn Benjamin Wolf die Nachfolge im Vorstand angetreten hat.

Mit ihm gesprochen hat Gero Furchheim, der seit 15 Jahren im Vorstand die kaufmännische Verantwortung trägt. Seine Aufgabe für Gerhard Wolf im Gespräch: Spontan 10 besondere Kataloge aus dem Archiv des Unternehmens herauszusuchen, die für besondere Produkte und Momente des Unternehmens stehen.

30 Jahre Design, Entdeckungen und Klassiker

Gerhard Wolf und das Gespür für das Besondere

Gerhard Wolf mit dem Schwimmring

Gero Furchheim: 30 Jahre Cairo im Rückblick, das sind vor allem 30 Jahre Suche nach Design-Highlights. Wenn Du nach besonderen Katalogen schaust, nach was suchst Du dann?

Gerhard Wolf: Nach Produkten, die entscheidend waren. Wenn ich die Cairo Geschichte erzählen will, würde ich am liebsten alle Kataloge einpacken. Zehn auszuwählen, das ist schwer. Aber fangen wir an – hier zum Beispiel das Cover mit dem aufblasbaren Rettungsring. Die haben wir in Paris auf der Messe Maison et Objet entdeckt. Die Farben haben mich begeistert. Und die Idee, dass wir einen Rettungsring verkaufen können, das hat wahrscheinlich vorher noch niemand von uns erwartet. Und natürlich die emotionalen Fotos mit dem kleinen Mädchen, das mit dem Schwimmreif spazieren geht. Er wurde ein großer Erfolg.

Gero Furchheim: Ich habe immer wahrgenommen, dass deine Grundentscheidung, ob ein Produkt etwas für Cairo sein kann, in einem ­Sekundenbruchteil fällt.

Gerhard Wolf: Ja. Ich entscheide immer aus dem Bauch und zwar schnell. Hier im Beispiel hat mich ein Foto begeistert. Auf den Messen gehe ich aber nicht nur zu bekannten Herstellern, ich scanne alle Hallen und alle Gänge.

Gero Furchheim: War Dein Team im Einkauf manchmal entsetzt, wenn du mit einem so ungewöhnlichen Produkt zurückkamst?

Gerhard Wolf: Nein, entsetzt nicht. Manchmal gab es aber Produkte, bei denen wir dachten: „Oh, das wird nichts, aber wir probieren es.“ und dann sind es oft Renner geworden. Teppiche für draußen waren zum Beispiel auch so ein neues Thema damals. Ein weiteres Coverbild, das ich auswähle.


„Wir sind immer extrem schnell und haben meistens einen Vorsprung von ein bis zwei Jahren...“


Gero Furchheim: Was Cairo ausgemacht, ist die Schnelligkeit, ein Thema aufzugreifen, einen Trend voranzutreiben und ihm nicht hinterherzulaufen?

Gerhard Wolf: Richtig. Wir sind immer extrem schnell und haben meistens einen Vorsprung von ein bis zwei Jahren, bis ein Thema in der Breite ankommt und dann für uns ausgelutscht ist.

Gero Furchheim: Jede Titelseite in den Katalogen war eine persönliche Entscheidung von dir?

Gerhard Wolf: Ja, ich habe mir bei den Titeln immer sehr viel Mühe gegeben. Im Prinzip kann ich sagen, ich war mit fast jedem Titel zufrieden. Unsere Werbeagentur macht maximal zwei oder drei Vorschläge. Und dann suche ich mir den meiner Meinung nach besten aus.

Der Cairo Katalog erstmals mit dem Toy Stuhl von Kartell

Gero Furchheim: Lass uns über Highlights sprechen. Welche Produkte stechen da besonders hervor?

Gerhard Wolf: Es gab viele Highlights. Der Toy Stuhl von Philip Starck kam 1999 auf den Markt. Ich habe ihn im Januar auf der Messe in Köln gesehen und fand ihn irre gut. Spontan habe ich 600 Stück gekauft - das war die höchste Stuhlzahl, die ich je auf einen Schlag eingekauft habe. Im Frankreich-Katalog Mitte März war er schon auf der Titelseite. Und wir haben die 600 Stühle damals in nur vier Wochen verkauft. Das war Liebe auf den ersten Blick und hat genau in die Zeit gepasst. Eine echte Bombe.

Der Cairo Katalog mit dem Aeron von Herman Miller

Gero Furchheim: Auf diesem Titel, den Du ausgewählt hast, ist der Aeron Stuhl?

Gerhard Wolf: Ja, der Aeron! Ich habe den damals auf der Messe gesehen und gedacht: Ich raste aus! So ein neu gedachter Bürostuhl mit dem Komfort und allem drum und dran. Eine Sensation. Da habe ich richtig mutig eingekauft, und das war ja damals für uns ein Monstergeschäft, weil die Mitbewerber nicht liefern konnten. Später war der Aeron in den USA der meistverkaufte Bürostuhl. Für uns hat er sich irgendwann nicht mehr rentiert, da die Stückzahlen runtergingen. Aber den Rahm haben wir abgeschöpft.

Gero Furchheim: Vitra hat eine ganz besondere Bedeutung?

Gerhard Wolf: Ja, zum Beispiel mit dem Sessel Figura, der im Deutschen Bundestag steht. Den haben wir auch ganz früh gehabt. Sensationen gab es aber auch von Driade, wie mit dem Lord Yo Stuhl. Den haben wir immer noch im Programm. Aber die Anzahl der großen Sensationen geht zurück. Früher gab es oft 50 bahnbrechende Neuheiten im Jahr, heutzutage sind die ganz besonderen Produkte seltener.

Gero Furchheim: Welche anderen Produkte fallen dir noch ein, die besonders waren?

Gerhard Wolf: (nimmt einen Katalog nach dem anderen aus dem Archiv und kommt ins Schwelgen) Der Nomos Tisch ist grandios, aber logistisch eine riesige Herausforderung. Die ganzen Alu Chairs sind sowieso einzigartig. Der Breeze war auch eine Bombe damals. Tolomeo ist immer noch ein Highlight. Und den Gartenzwerg von Kartell fand ich witzig. Wir hatten immer schon Produkte mit einem Augenzwinkern dabei.

Gero Furchheim: Im Programm haben wir besondere Klassiker wie den Adjustable Table, der die niedrigste Artikelnummer im aktuellen Sortiment hat, weil er am längsten dabei ist. Produkte, die heute Klassiker sind, waren am Anfang aber meist Ausbrecher, die gängige Maßstäbe in Frage stellen, wie es Rolf Fehlbaum einmal formuliert hat.

Gerhard Wolf: (nimmt einen Katalog mit der Tizio Leuchte auf dem Titel in die Hand) Absolut, wie zum Beispiel bei der Tizio Leuchte. Sie ist für mich eine der innovativsten Leuchten überhaupt. Zum ersten Mal mit Halogen, die Elektrik über die Leiter, ohne Kabel, die Verstellbarkeit – alles zusammen machte sie zu einem Hit, der heute ein Klassiker ist. Wir waren immer wieder ganz am Anfang mit dabei, zum Beispiel in der Entwicklung von Philipp Stark, dessen Genialität ich schon ab 1985 gesehen habe. Als der Lord Yo auf den Markt kam, gehörten wir zu den Ersten, die ihn verkauft haben. Damals war Starck noch ein unbekannter Designer und sein Produkt ist mit Cairo zusammen groß und zum Klassiker geworden.

Der Nomos Tisch
Der Alu-Chair von Vitra
Breeze von Segis
Die Tolomeo von Artemide
Der Beistelltisch Attila von Kartell
Beistelltisch Adjustable Table von ClassiCon

Gero Furchheim: Welcher Designer hat besonders herausgeragt?

Gerhard Wolf:Ray und Charles Eames sind meine Lieblinge, sie sind die Stardesigner des letzten Jahrhunderts. Der Lounge Chair zählt immer noch zu den besten Designobjekten überhaupt.

Gero Furchheim: Wobei es auch leichtere Themen im Cairo Sortiment gibt?

Gerhard Wolf: Ja, zum Beispiel für den Garten. Den Picknick Tisch und die Lampe Guidelight von Weltevree haben wir am Ende eines langen Messetages in Köln in der Designpost entdeckt. Am Anfang war kein Mitarbeiter des Hauses da, aber ich hatte mich schon entschieden, dies zu machen. Oder das Moormann Bett Siebenschläfer, auch in einer Ausführung für Hunde. Nils-Holger Moormann ist zu einem echten Freund geworden. Wir telefonieren alle zwei Monate miteinander.

Gerhard Wolf mit dem Hundebett von Moormann
Gerhard Wolf mit dem ersten Cairo Katalog

(Gerhard Wolf greift den ersten Cairo Katalog, der vor dreißig Jahren entstanden ist)

Gero Furchheim: Im Editorial ist ein Foto aus Dietzenbach, wo die Cairo AG vor dem wachstumsbedingten Umzug nach Groß-Umstadt ansässig war. Es zeigt Dich im noch leeren Büro. Erinnerst Du Dich daran, wie die Aufnahme entstanden ist?

Gerhard Wolf: Ja, ganz am Anfang hatten wir selbst noch keine eigenen Möbel und mussten warten. „Heute bestellt – morgen geliefert“ als Lieferversprechen haben wir für diese Warenkategorie erst aufgebaut. Bei der Aufnahme stand damals mein Sohn Benjamin neben mir, damals 10 Jahre alt. Er kennt die Cairo Geschichte seit den ersten Schritten.

Gero Furchheim: Den Erfolg beurteilst Du aber auch sehr zahlengetrieben?

Gerhard Wolf: Ja, ich habe das Gefühl für das Potential eines Produktes. Erfolg stellt sich aber nur ein, wenn genug Umsatz pro Katalogseite generiert wird. Das messen wir genau und entscheiden auch auf dieser Grundlage über das Verbleiben im Sortiment.

Gero Furchheim: Und wann entscheidest Du über das Weihnachtssortiment?

Gerhard Wolf: Spätestens jetzt, im Frühsommer. Wir müssen immer früh dran sein.

Gero Furchheim: Auch mit technischen Innovationen?

Gerhard Wolf: Ja, wie zum Beispiel mit dem rauchfreien Lotusgrill, den wir in den deutschen Markt gebracht haben. Jetzt ist er in jedem Baumarkt zu haben und für uns dann nicht mehr interessant. Der nächste Schritt ist jetzt die Feuerschale Moon mit ihrer zweistufigen Holzvergaser-Brennertechnologie, die ein echtes Flammenmeer schafft. Mit Pellets bis zu zwei Stunden ohne Nachlegen. Und die Plancha erlaubt gesundes, fettarmes Grillen. Wichtig für uns ist, dass die Neuheit im Katalog und Internet vermittelbar ist. Lounge Möbel im Gartenbereich waren eine weitere Innovation.

Die Feuerschale Moon 45 von höfats

Gerhard und Benjamin Wolf - eine Idee geht in die 2. Generation

Gero Furchheim: Und wie läuft es heute zusammen mit Benjamin Wolf?

Gerhard Wolf: Aktuell gehen wir gemeinsam auf die Messen und diskutieren die Produkte zusammen. Meistens haben wir die gleiche Einschätzung. Wir verstehen beide sehr schnell, um was es bei erfolgreichen neuen Produkten geht. Am Ende geht es um den Katalog und den Webshop, die für den Kunden immer spannend sein müssen. Die Linie muss stimmen. Wir müssen immer wieder neue Produkte finden, damit das Windrad weiterläuft. Nur Klassiker zu melken, ist uns nicht genug. Deshalb investieren wir auch weiterhin in den inspirierenden gedruckten Katalog, und nicht nur Onlinewerbung.

Gerhard Wolf
Benjamin Wolf

Gero Furchheim: Und zum Abschluss – wie sieht Deine persönliche Bestenliste der Designer aus?

Gerhard Wolf: Auf die bereits genannten Ray und Charles Eames folgt auf Platz 2 Dieter Rams, ohne den es kein iPhone gäbe, weil er die Formensprache vorgedacht hat. Der Rechner des iPhones ist deshalb noch heute eine Reminiszenz an den Braun Taschenrechner von Rams. Castiligioni und Citterio als Vertreter des italienischen Designs. Mein absoluter Liebling ist aber Yrjö Kukkapuro, der kaum bekannt ist. Ein Finne, der nach meiner Einschätzung mit dem Karuselli den bequemsten Sessel mit Hocker überhaupt entwickelt hat. Angeboten wurden diese ursprünglich vom Hersteller Haimi, heute von der zur Vitra gehörenden Artek. Einen kommerziellen Durchbruch hatten diese Produkte nie, für mich sind sie aber genial.

Der Stuhl Bliss von Cane-line

Gero Furchheim: Und die Lieblingsneuheit im aktuellen Cairo Katalog?

Gerhard Wolf: Der Tisch und Stuhl Bliss von Cane-line. In pulverbeschichtetem Aluminium und sehr schöne Farben wie dem backsteinfarbigen desert red. Er verströmt eine moderne skandinavische Ästhetik. Oder der Mikado von Vitra mit beweglicher Lehne – einfach ein wunderschöner Stuhl.

Fotocredits:
Abbildung Dieter Rams:
Foto: Rainer Zenz – Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


Abbildung Yrjö Kukkapuro:
Foto: Public Domain via Wikimedia Commons